Zu Besuch in Soubey: ein libertäres Dorf in der Schweiz?
In einem abgelegenen Tal des Doubs arbeitet eine kleine Initiative daran, das Schweizer Dorf Soubey neu zu beleben und freiheitlich gesinnte Familien anzusiedeln. Hotel, Wohnraum, Coworking und Kinderbetreuung sollen dafür die Grundlage schaffen. Wie realistisch ist die Idee eines libertär geprägten Dorfes im Schweizer Jura?
Auf dem Afuera-Fest fiel im Vortrag von Titus Gebel neben anderen europäischen Projekten wie Liberstad und Montelibero auch der Name eines kleinen Dorfes in der Schweiz: Soubey.
Davon hatte ich vorher noch nie gehört.
Nach kurzer Recherche landete ich auf der Webseite der Initiative Soubey. Dort geht es um die Wiederbelebung eines kleinen Dorfes im Schweizer Jura, um neue Familien, Unternehmertum, Eigenverantwortung und langfristig auch um mehr Freiheit auf lokaler Ebene.

Da wir ohnehin zum Sommerurlaub in die Schweiz fahren wollten, nahm ich direkt Kontakt auf.
Eine Woche später waren wir auf dem Weg.
14 Kilometer durch den Jura
Von der deutschen Grenze bei Basel fährt man ungefähr eine Stunde bis Soubey.
Zunächst geht es über normale Landstraßen durch kleine Schweizer Orte. Dazwischen Landwirtschaft, Gewerbe und überraschend viele moderne Betriebe. Immer wieder tauchen bekannte Namen auf, etwa Ricola oder Victorinox.
Irgendwann biegt man von der größeren Straße ab.
Die letzten rund 14 Kilometer führen über eine schmale Straße durch die Berge des Jura. Viel Wald, wenig Verkehr, einige Serpentinen. Dann geht es hinunter ins Tal des Doubs.
Und dort liegt Soubey.

Das Dorf gehört zum französischsprachigen Kanton Jura und liegt nur wenige Kilometer von der französischen Grenze entfernt. Die Gemeinde hat rund 120 Einwohner, wobei sich diese auf den eigentlichen Dorfkern und einige umliegende Höfe und Weiler verteilen.
Im Zentrum stehen vielleicht zwei Dutzend Häuser. Dazu kommen eine kleine Kirche, ein Laden, ein Hotel, ein Campingplatz und die markante Brücke über den Doubs.
Viel mehr ist da nicht.
Trotz August und Hauptsaison haben sich nur wenige Camper hierher verirrt.
Soubey wirkt nicht wie ein touristischer Hotspot. Es gibt keine Reisebusse, keine Souvenirgeschäfte und keine überfüllten Parkplätze. Der Fluss zieht sich durch das Tal, drumherum Wald und steile Hänge.
Treffen im Hôtel du Cerf
Mitten im Dorf steht das Hôtel du Cerf.

Dort treffe ich Armin, einen freundlichen und gut gelaunten Unternehmer aus Luzern, der das Hotel seit rund zwei Jahren führt und die Initiative Soubey mitgegründet hat.
Er zeigt uns das Dorf und einige der Gebäude, die inzwischen zum Projekt gehören.
Da ist zunächst das Hotel mit Restaurant. Dann das alte Schulhaus, das künftig unter anderem für Coworking, Veranstaltungen und Kinderbetreuung genutzt werden soll. Außerdem gehört inzwischen ein kleineres Wohnhaus dazu.

Das Hotel ist dabei ein ziemlich wichtiger Baustein.
Wer Leute für einen Ort begeistern will, braucht schließlich zunächst einen Ort, an dem sie schlafen, essen und sich treffen können. Gleichzeitig bleibt damit ein Betrieb erhalten, der für ein Dorf dieser Größe schnell ganz verschwinden könnte.
Soubey eignet sich dadurch schon heute überraschend gut für kleinere Veranstaltungen oder Treffen.
Man kann im Hotel schlafen, auf dem Campingplatz stehen oder Ferienunterkünfte nutzen. Gleichzeitig ist man weit genug draußen, um tatsächlich Ruhe zu haben.
Eher Free State Project als Free Private City
Allerdings - eine richtige Free Private City im Sinne von Titus Gebel wird es laut Armin wohl eher nicht werden.
Einen eigenen Rechtsrahmen oder einen Sonderstatus gibt es hier nicht. Soubey ist eine ganz normale Schweizer Gemeinde und bleibt Teil der bestehenden politischen Strukturen von Gemeinde, Kanton und Bund.
Armin nennt als Vorbild deshalb eher das Free State Project in New Hampshire.
Die Idee dahinter ist deutlich einfacher.
Man sucht sich einen strategisch geeigneten Ort und versucht, dort mit der Zeit genügend freiheitlich eingestellte Menschen anzusiedeln. Diese bauen Unternehmen auf, kaufen Immobilien, helfen sich gegenseitig und engagieren sich irgendwann auch politisch.
In Soubey passiert das im Schweizer Maßstab.
Das Dorf ist klein. Immobilien sind im Vergleich zu Basel, Zürich oder Luzern günstig. Es gibt immer wieder Objekte zu kaufen. Die französische Grenze ist nah. Gleichzeitig liegt keine größere staatlich oder wirtschaftlich relevante Infrastruktur im Ort.
Und bei 120 Einwohnern braucht es keine Tausenden Zuzügler, damit sich etwas verändert.
Armins Ziel ist zunächst überschaubar: In etwa fünf Jahren sollen zehn freiheitlich orientierte Schweizer Familien in Soubey wohnen. Später könnten es vielleicht hundert Menschen sein.
Hundert Menschen sind anderswo eine größere Hausgemeinschaft.
Hier wären sie ein erheblicher Teil der Bevölkerung.

\## Erst einmal müssen Menschen hier leben wollen
Beim Gespräch mit Armin fällt auf, dass die politischen Ziele derzeit eher im Hintergrund stehen.
Es wäre wahrscheinlich auch wenig erfolgversprechend, in einem kleinen Schweizer Dorf aufzutauchen und den bisherigen Bewohnern zuerst einen Vortrag über Libertarismus zu halten.
Viel wichtiger ist, dass das Dorf funktioniert.
Das Hotel soll offen bleiben. Häuser sollen saniert werden. Es braucht Wohnraum. Junge Familien brauchen Kinderbetreuung und irgendwann vielleicht wieder eine kleine Schule. Selbstständige und Remote-Arbeiter benötigen brauchbares Internet und Arbeitsräume.
Wenn dadurch neue Bewohner kommen und gleichzeitig Angebote erhalten bleiben, von denen auch die bisherigen Einwohner profitieren, entsteht eine ganz andere Ausgangslage.
Armin legt viel Wert darauf, die Menschen im Ort mitzunehmen.
Die Pläne wirken deshalb bisher ziemlich bodenständig.
Keine Unabhängigkeitserklärung. Keine neue Verfassung. Keine Konfrontation mit der Gemeinde.
Erst einmal ein Hotel betreiben, Immobilien kaufen, Räume schaffen und Leute finden, die tatsächlich umziehen.
Das klingt weniger spektakulär als eine neue Privatstadt. Dafür kann man morgen damit anfangen.
Und irgendwann die lokale Politik?
Langfristig spielt natürlich auch Politik eine Rolle.
In einer Schweizer Kleingemeinde kann schon eine relativ kleine Gruppe aktiver Bürger Gewicht bekommen. Gemeindeversammlungen entscheiden über Budgets, Investitionen und kommunale Fragen. Auch beim kommunalen Steuerfaktor gibt es Spielraum.
Gerade für den Kanton Jura wäre das interessant. Der gilt innerhalb der Schweiz nicht gerade als Steuerparadies.
Die Idee wäre, Soubey langfristig auch steuerlich attraktiver zu machen.
Allerdings ist das keine Sache, die sich einfach per Abstimmung erledigen lässt. Eine kleine Gemeinde muss ihren Haushalt weiterhin finanzieren. Soubey ist heute auch auf den kantonalen Finanzausgleich angewiesen.
Bevor man ernsthaft über deutlich niedrigere Steuern sprechen kann, müssten also vermutlich erst zusätzliche Einwohner und Unternehmen kommen und die finanzielle Basis der Gemeinde verbreitern.

\## Zwei Nächte auf dem Campingplatz
Wir bleiben zwei Nächte auf dem kleinen Campingplatz direkt am Doubs.
Der Platz wird seit rund zwei Jahren von einer jungen Familie als Agrotourismusbetrieb geführt. Es gibt einen kleinen Hofladen mit Eiern, Honig und Brot. Zum Fluss sind es nur wenige Meter.
Man kann baden, wandern oder einfach am Wasser sitzen.
Für Kinder gibt es ohnehin genug zu entdecken. In und um den Fluss sieht man Fische, Insekten und allerlei anderes Getier. Drumherum Wald, Wiesen und steile Hänge.
Außer uns sind fast nur Schweizer hier.
Dass ausgerechnet Deutsche an diesem kleinen Campingplatz im Jura auftauchen, scheint zumindest ein wenig Verwunderung auszulösen.
Ein älteres schweizer Paar, das neben uns campt, erzählt uns, Soubey sei ein kleiner Geheimtipp. Vor allem Leute aus den umliegenden Städten würden gerne hierherkommen, um ein paar ruhige Tage zu verbringen.
Das trifft es ziemlich gut.
Soubey fühlt sich abgelegen an, ohne wirklich weit weg zu sein.
Basel und Bern sind mit dem Auto ungefähr eine Stunde entfernt. Wer für einige Tage Ruhe sucht, erreicht den Ort also noch problemlos.

\## Ein guter Ort für freiheitliche Treffen
Gerade für freiheitliche Veranstaltungen halte ich Soubey für ziemlich interessant.
Nicht für eine Großkonferenz mit tausend Teilnehmern.
Aber für ein Treffen mit 40, 50 oder vielleicht 100 Leuten?
Warum nicht.
Hotel, Restaurant, Campingplatz und Ferienunterkünfte sind vorhanden. Man ist weitgehend unter sich. Es gibt Natur, den Fluss und genug Platz für gemeinsame Aktivitäten.
Auch für eine freiheitliche Familienfreizeit, ein Unternehmerwochenende oder ein kleines Retreat könnte der Ort gut funktionieren.
Und natürlich hilft jede Veranstaltung gleichzeitig den lokalen Betrieben.

\## Was man aus Soubey lernen kann
Fast noch interessanter finde ich Soubey als Beispiel für ähnliche Projekte anderswo.
Denn viele der Voraussetzungen lassen sich übertragen.
Der erste Punkt ist banal, wird aber schnell vergessen: Der Ort muss schön sein.
Menschen ziehen nicht dauerhaft irgendwohin, nur weil dort fünf Prozent weniger Steuern oder drei Libertäre mehr wohnen.
Man muss dort auch leben wollen.
Soubey hat mit dem Doubs, den Wäldern und der Lage im Jura einen echten Vorteil. Selbst unser Schweizer Campingnachbar bezeichnet den Ort als Geheimtipp.
Hilfreich ist außerdem eine vorhandene touristische Infrastruktur.
Ein Hotel oder Campingplatz ermöglicht Interessenten, erst einmal für ein Wochenende zu kommen. Daraus kann später eine Veranstaltung werden, dann vielleicht ein längerer Aufenthalt und irgendwann ein Umzug.
Auch niedrige Immobilienpreise sind wichtig.
Wer Veränderung will, braucht schließlich Räume. Wohnungen, Gewerbeflächen, Veranstaltungsräume, vielleicht irgendwann ein Schulgebäude.
Das alles lässt sich in einem schrumpfenden Dorf wesentlich leichter finanzieren als in München oder Zürich.
Gleichzeitig darf ein Ort nicht vollkommen abgeschnitten sein. Eine Stunde bis zur nächsten größeren Stadt erscheint mir noch ziemlich brauchbar.
Dann kommen allerdings die schwierigeren Fragen.

\## Arbeit, Kinder und Alltag
Für digitale Unternehmer und Remote-Arbeiter ist ein Ort wie Soubey vergleichsweise einfach.
Laptop, Internet, Schreibtisch - fertig.
Aber eine Gemeinschaft kann nicht nur aus Softwareentwicklern und Bitcoinern bestehen.
Was macht der Schreiner?
Was macht die Krankenschwester?
Wo arbeitet ein Mechaniker?
Ab wann lohnt sich eine Arztpraxis?
Für solche Berufe braucht man irgendwann eine gewisse Größe und eine lokale Wirtschaft, die genug Nachfrage erzeugt.
Noch wichtiger ist das Thema Familie.
Wer junge Familien dauerhaft gewinnen will, braucht Kinderbetreuung und Bildungsangebote.
Ein Coworking-Space ist nett. Eine verlässliche Betreuung für ein dreijähriges Kind und ein vorhandener Sportverein kann für die Entscheidung umzuziehen wichtiger sein.
Ideal wäre irgendwann eine kleine private Schule.
Dazu kommen Grundstücke und Bauland. Wer zehn oder zwanzig Familien ansiedeln möchte, braucht irgendwo Wohnraum. Für neue Betriebe braucht es Gewerbeflächen.
Und dann bleibt der rechtliche Rahmen.
Die Schweiz bietet Kommunen vergleichsweise viel Spielraum. Trotzdem kann auch Soubey weder das Steuerrecht noch das Schulrecht oder die Bauordnung beliebig neu erfinden.
In Deutschland wäre das noch einmal schwieriger. Viele interessante Fragen werden dort auf Landes-, Bundes- oder EU-Ebene geregelt. Der kommunale Handlungsspielraum ist entsprechend klein.
Trotzdem kann man auch dort anfangen.
Immobilien kaufen. Betriebe gründen. Veranstaltungen organisieren. Familien zusammenbringen. Kinderbetreuung schaffen. Genossenschaften oder Vereine aufbauen. Handwerker und Selbstständige ansiedeln.
Dafür braucht man keinen Sonderwirtschaftsstatus.

\## Noch kein libertäres Dorf
Soubey ist heute kein libertäres Dorf.
Dafür ist das Projekt viel zu jung.
Bei unserem Besuch leben dort meines Wissens noch keine größere Zahl Libertärer dauerhaft. Es gibt einige gekaufte Immobilien, konkrete Pläne und vor allem ein paar Leute, die angefangen haben.
Ob daraus in fünf oder zehn Jahren tatsächlich eine größere freiheitliche Gemeinschaft wird, kann heute niemand wissen.
Vielleicht funktioniert es.
Vielleicht stellt sich heraus, dass zehn Familien zu finden erheblich schwieriger ist als zehn Häuser zu kaufen.
Vielleicht kommen ganz andere Probleme dazu, an die heute noch niemand denkt.
Gerade deshalb lohnt es sich, das Projekt weiter zu beobachten.
Soubey ist bisher weniger das fertige Modell einer libertären Gemeinde als ein praktischer Versuch.
Und möglicherweise ist genau diese Größenordnung für den Anfang realistischer als die große Vision einer neuen Stadt mit eigenem Rechtssystem.
Ein Dorf finden.
Ein paar Gebäude kaufen.
Unternehmen aufbauen.
Familien ansiedeln.
Schauen, was daraus entsteht.
Man braucht dafür kein Milliardenbudget. Aber man braucht Leute wie Armin, die irgendwann aufhören, nur darüber zu reden, und tatsächlich anfangen.
You can just do things.
It’s time to build.